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    Die proletarischen Wurzeln

    ver.di NEWS

    Die proletarischen Wurzeln

    Ausgabe (07/2016)

    Titelthema:
    ver.di-Geburtstag: Vor 150 Jahren wurde der Deutsche Buchdruckerverband gegründet

    ver.di NEWS (07/2016) ver.di ver.di NEWS (07/2016)  – Die proletarischen Wurzeln

    Zu Pfingsten 1866, vom 20. bis 22. Mai, trafen sich Buchdrucker aus ganz Deutschland im Leipziger Schützenhaus, dem späteren "Kristallpalast" an der Wintergartenstraße, und gründeten den Deutschen Buchdruckerverband - als zweite reichsweit organisierte Gewerkschaft nach dem Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiter-Verein, der sich ein halbes Jahr zuvor konstituiert hatte. Es waren 34 Delegierte, die gut 3000 Buchdrucker-Gehilfen aus 85 Druckorten vertraten, ein Verbandsstatut beschlossen und einen Vorstand wählten.

    So weit zurück also reicht - unterbrochen durch zwölf Jahre Nazi-Terror - die organisatorische Kontinuität der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft. Denn der Buchdruckerverband war die größte Vorläuferorganisation der nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Industriegewerkschaft Druck und Papier, die 1989 mit der DGB-Gewerkschaft Kunst zur ver.di-Gründungsorganisation IG Medien fusionierte. ver.di kann also im 15. Jahr des eigenen Bestehens auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken.

    Aber die proletarischen ver.di-Wurzeln reichen noch weiter zurück - bis zur bürgerlich-demokratischen Revolution 1848/49, auf deren Barrikaden die Buchdrucker-Gehilfen einen hohen Blutzoll entrichtet haben. Unmenschlich lange Arbeitszeiten und Löhne, die zum Leben nicht reichten, waren Ursache der schieren Not in den Arbeiterfamilien. Facharbeiter wie die Buchdrucker erkannten als erste, dass sie nur durch Zusammenhalt und Solidarität ihre Situation verbessern konnten. Mit der ersten "National-Buchdrucker-Versammlung zu Mainz" betraten sie zu Pfingsten 1848 die gesellschaftliche Bühne und präzisierten ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen im ersten Entwurf eines Tarifvertrags.

    Die Gewerkschaftszeitung als Motor des Verbands

    Kurz zuvor hatten sie in ihrem "Heidelberger Zuruf" die Lage analysiert: "Der Arbeiter sieht von Tag zu Tag mehr die entsetzliche Wahrheit ein, dass das Capital sich nur dann um ihn kümmert, wenn es ihn zu einer vorübergehenden Spekulation nöthig hat, und ihn rücksichtslos wie ein todtes Werkzeug in den Winkel wirft, bis es wiederum seiner bedarf. Der Staat will und kann nicht unsere Existenz garantieren, deshalb müssen wir für uns sorgen", hieß es dort - anno 2016 frappierend aktuell - vor 168 Jahren.

    Im Jahre 1863 erscheint erstmals "Der Correspondent - Wochenschrift für Deutschlands Buchdrucker und Schriftgießer" (die heutige "ver.di-Branchenzeitung DRUCK+PAPIER") als Motor der Verbandsgründung 1866. Sechs Jahre später, 1873, gelingt dem Buchdruckerverband der Abschluss des ersten reichsweit geltenden Tarifvertrags - als Prototyp all dessen, was seitdem auch in vielen anderen Branchen bis heute an Tarifrecht geschaffen worden ist. [...]
     
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