Psychiatrie

    ver.di warnt vor Absenkung der Personalausstattung

    ver.di-Umfrage

    ver.di warnt vor Absenkung der Personalausstattung

    Drei Viertel der Beschäftigten in der Psychiatrie können sich nicht vorstellen, bis zur Rente zu bleiben

    Am 19. September soll im Gemeinsamen Bundesausschusses die Richtlinie zur Personalausstattung in den Psychiatrischen und Psychosomatischen Krankenhäusern (PPP-RL) beschlossen werden. Mit einem Aktionstag am 10. September macht ver.di auf die prekäre Personalsituation in diesem Bereich aufmerksam.

    Auch am AWO Psychiatriezentrum Königslutter werden die Ergebnisse des bundesweiten ver.di-Versorgungsbarometers präsentiert.

    Beim ver.di-Versorgungsbarometer Psychiatrie haben im Juli und August 2329 Beschäftigte aus 168 psychiatrischen Fach-krankenhäusern und Fachabteilungen ihre Arbeitssituation und die Versorgungsqualität für die Patient*innen bewertet. Anhand von Fragen, ob bestimmte Tätigkeiten ganz, teilweise oder eben auch nicht ausgeführt werden können, wurde die Versorgungsqualität in ein Barometer mit fünf Abstufungen eingeteilt.

    Auch am AWO Psychiatriezentrum Königslutter haben sich zahlreiche Beschäftigte beteiligt.

    Mehr als drei Viertel der befragten Beschäftigten können sich nicht vorstellen „bei der derzeitigen Personalsituation“ bis zur Rente in der Psychiatrie zu arbeiten.

    Die aktuelle personelle Unterausstattung bringt die Beschäftigten ans Limit. 77,3 Prozent bewerten die Besetzung auf ihrer Station in der vorangegangenen Schicht als „knapp“ oder „viel zu gering“.

    Das hat Konsequenzen für die Patientenversorgung: Insgesamt zeigt das Barometer eine unzureichende Versorgungssituation (gelber Bereich).

    Viele Versorgungsaufgaben können nur noch zum Teil oder gar nicht mehr erfüllt werden. Über 80 Pro-zent der Befragten konstatieren, begleiteter Ausgang für alle Patienten bei Bedarf sei „nur zum Teil“, „nur sehr eingeschränkt“ oder „nicht möglich“ gewesen. Dies kann, je nach baulicher Gegebenheit, schon der Spaziergang im Krankenhausgarten sein.

    Ähnlich schwierig ist die Situation bei der Gewährleistung von 1:1-Betreuungen, das heißt der intensiven Betreuung von Patient*innen in akuten Krisen (zum Beispiel bei Suizid- oder Selbstverletzungsgefahr oder der Gefahr von Aggressionen gegen andere) oder während Zwangsfixierungen. Bei Letzteren ist eine 1:1-Betreuung zwar durch das Bundesverfassungsgericht vorgeschrieben – aber um sie zu gewährleisten, werden Beschäftigte von anderen, ebenfalls wichtigen Versorgungsleistungen abgezogen. Vier von fünf Befragten gaben an, nur so die Vorschriften einhalten zu können.

    Besonders beunruhigend ist, dass diese starken Eingriffe in Freiheitsrechte oft wiederum das Resultat von fehlendem Personal sind: 61,3 Prozent der Befragten schätzen ein, dass die Hälfte der Zwangsmaßnahmen oder sogar fast alle mit mehr Personal vermieden werden könnten.

    Fast ebenso schwierig ist die Gewährleistung ungestörter Gesprächssituationen.

    „Wer in eine psychiatrische Klinik kommt, darf mit Recht erwarten, Gehör für seine/ihre psychischen Probleme und Anliegen zu bekommen. Doch wenn nur 30 Prozent der Umfrageteilnehmer*innen ungestörte Gespräche mit Patient*innen ohne Probleme oder auch nur „mit Mühe“ gewährleisten können, dann ist diese Grundlage psychiatrischer Behandlung und Betreuung auf vielen Stationen nicht mehr zu gewährleisten.“ kommentiert Annegrit Ulrichs, ver.di-Vertrauensfrau im AWO Psychiatriezentrum Königslutter.

    Zu Überlastung und Frustration kommen für die Beschäftigten auch noch ganz konkrete Gefährdungen und starke psychische Belastungen durch körperliche und verbale Angriffe. Rund die Hälfte (49,9 Prozent) der Befragten waren in den letzten vier Wochen mindestens einmal körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Gut 80 Prozent sind mindestens einmal beschimpft worden.

    ver.di fordert, bei der anstehenden Beschlussfassung des Gemeinsamen Bundesausschusses, die am 19. September erfolgen soll, die bestehenden Regeln für die Personalausstattung in der Psychiatrie (Psychiatrie-Personalverordnung) deutlich aufzubessern. „Diese Ergebnisse zeigen überdeutlich: die noch bis 31. Dezember dieses Jahres gültige Psychiatrie-Personalverordnung muss dringend ergänzt und aufgestockt werden. Der G-BA muss die Zeitwerte pro Patient für die verschiedenen Berufsgruppen unverzüglich deutlich erhöhen und nicht etwa absenken. Das dafür erforderliche Personal muss von den Krankenkassen finanziert werden. Es muss Konsequenzen haben, wenn diese Personalausstattung nicht eingehalten wird, im Interesse der Beschäftigten und der Patient*innen. Und es müssen jetzt endlich die Weichen gestellt werden für ein wirklich bedarfsgerechtes System der Personalbemessung in den Psychiatrien“ meint Marcel Richter, zuständig im ver.di Bezirk Region Süd-Ost-Niedersachsen für das Gesundheitswesen.

    Die Ergebnisse des Versorgungsbarometers präsentiert ver.di bei einem Aktionstag am 10. September:

    • Wann: 10.09.2019, 12:00 bis 13.30 Uhr
    • Wo: AWO Psychiatriezentrum Königslutter - Klinikum A (Eingangsbereich)

    Eine ausführliche Auswertung ist ab Montag, 9.9., 10:00 Uhr unter folgendem Link abrufbar: psychiatrie.verdi.de