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    Ist der Reisejournalismus auf einem guten Weg?

    Ist der Reisejournalismus auf einem guten Weg?

    Quo vadis Reisejournalismus? Foto: Stephanie Eckert Talkrunde Reisejournalismus  – (von links nach rechts): Moderatorin Anne Schneller, Markus Golletz, Max Poodt, Mario Köpers, Jürgen Drensek und Moderator Thomas Korn

     

    Ist der Reisejournalismus auf einem guten Weg?

    Beim vierten „UNTER DREI“, der dju-Reihe für Medienmacher in Hannover, kamen diesmal gleich vier Experten zu Wort. Sie diskutierten über die Zukunft des Reisejournalismus, die Unabhängigkeit von Journalisten und Bloggern und über die gebotene Abgrenzung zwischen journalistischem Inhalt und Werbung.  Außerdem ging es um die Frage, in wie weit gezielte Unterstützung von Reiseveranstaltern Einfluss auf Reiseberichte nimmt.

    Gäste der dju waren: Jürgen Drensek, Reisejournalist und Ehrenpräsident der Vereinigung deutscher Reisejournalisten (VDRJ). Max Poodt, Blogger. Mario Köpers, Leiter Unternehmenskommunikation TUI Deutschland. Markus Golletz, Reisejournalist und Fotograf.

    Fazit der Profis: Die Zukunft des Reisejournalismus liegt  im Internet. Transparenz lässt zu wünschen übrig. Und: Reisejournalismus ist kein Traumjob mehr.

    Das UNTER DREI #4 „Quo vadis Reisejournalismus?“ am 1. Februar wollte herausfinden, wie Macher von Reiseberichterstattung ticken. Jürgen Drensek, Ehrenpräsident der Vereinigung deutscher Reisejournalisten (VDRJ), sagte gleich zum Start: „Reisejournalismus - dein zweiter Name ist Krise“. Damit meinte er sinkende Budgets in den Redaktionen und "schwammige Formate"  in einigen, auch großen, Printmedien. Drensek zeigte sich bei der Podiumsdiskussion der Deutschen Journalistinnen und Journalisten Union (dju in ver.di) im Rahmen der abf 2017 in Hannover dennoch überzeugt, dass Qualität sich durchsetzen werde und journalistische Formate weiter ins Internet abwandern, um dort jederzeit und überall abrufbar zu sein.

    Mario Köpers, Leiter Unternehmenskommunikation von TUI Deutschland, nannte eine klare Regel, die im Alltagsgeschäft gelte zwischen Unternehmen, die auch große Reisen bezahlen, und denen, die als Journalisten oder Blogger darüber schreiben. Wer eine Reise gesponsert bekommt, muss später liefern: „Wir möchten eine Geschichte danach haben, sonst machen wir das nur einmal“, erklärte Köpers, „ansonsten nehmen wir keinen Einfluss auf die Berichterstattung.“ Bei früheren Reiseevents des Touristikunternehmens hätten sich Journalisten und Blogger „als Feinde“ gesehen, heute sei das professionalisiert. Inzwischen würden Journalisten und Blogger im Verhältnis zehn zu eins eingeladen. Seine Fachleute, die sich um die Blogger Relations kümmern, würden ihm welche vorschlagen. Die vermeintlich Besten würden eingeladen. Es geht nach Reichweite und – vor allem visuelle – Güte der Beiträge des Blogs.

    Blogger Max Poodt, der schwerpunktmäßig über Städte, Hotels und Hostels schreibt, erklärte, er habe dagegen schon erlebt, „dass nicht immer ein Bericht auf eine Einladung eines Veranstalters folgen muss“. Das würde von vornherein klar angesprochen. Es sei dann Grundlage seiner Recherche. Als selbstständiger Blogger wandele er natürlich immer auf einem schmalen Grad beim Schreiben. Finanziell helfe ihm ein Brotjob und er sei dabei, sich weitere Einkommensmöglichkeiten über seine Blogartikel aufzubauen. Zum einen sieht sich Poodt - verglichen mit anderen Bloggern - als sehr fit beim Thema Suchmaschinenoptimierung. Daraus hat er ein Kurskonzept für Kollegen und Onlineveröffentlichende entwickelt. Zum anderen erhalte er Provisionen über das so genannte Affiliate Marketing, wenn etwa eine Reise über einen Link von seinem Blog gebucht wird.

    Ein anderes Geschäftsmodell repräsentiert Reisejournalist und Fotograf Markus Golletz. Er sagt über sich, er stehe für einen investigativen und entschleunigten Journalismus. Er lasse Themen und Ideen erst sacken. Mit Motorradreisen setze er auf eine Nische. Dazu gehören Hintergrundberichte, für die er mit Herstellern und Veranstaltern spreche. Golletz berichtet für einschlägige Zeitschriften, schreibt Ratgeber und Bücher und hat dennoch den Ehrgeiz, seinen Blog laufend mit neuem Inhalt zu füttern. „Ich will es aber gut machen“, sagt er, und meint damit auch die Unabhängigkeit von Marken und Auftraggebern. Seinen Blog bezeichnet er als „werbe-unabhängig“. Das Thema Geldverdienen brachte er so auf den Punkt „Es gab seit den 15 Jahren, in denen ich das mache, quasi keine Gehaltserhöhung. Ich muss mich nur schlauer vermarkten.“

    Jürgen Drensek, der gerade zwei große Auslandreisen hinter sich hat, bedient von Fernsehen, Radio, Print, Online, über Fotografie bis hin zu Videos in allen Formaten die ganz breite Palette der Reiseberichterstattung. Dafür zahlt er aber auch einen Preis: Er sei rund 200 Tage im Jahr unterwegs und stuft das als nicht besonders geeignet für ein soziales Leben ein. Leider würde kaum noch eine Zeitungsredaktion eine freie Recherche bezahlen. Die Honorare für Journalisten reichten oftmals kaum für einen Vollberuf. Nach seiner Rechnung könne man monatlich durchschnittlich vier mehrtägige Reisen unternehmen, bei Honoraren von 250 bis 300 Euro pro Artikel sei der Verdienst leicht errechenbar. Da kam ein Einwurf aus dem Publikum zur  Neuschöpfung der Verlagsgruppe Madsack, „Reisereporter.de“, gerade recht. Diese bewertete er auch im Namen des Reisejournalistenverbands als „extrem kritisch“. „Damit wird eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt.“ Das Portal bezeichnet sich selbst als Reise-Ratgeber, die Inhalte wirken insgesamt werberisch, nur einige sind ausdrücklich als Anzeigen gekennzeichnet.

    Sicherlich ergeben sich für Journalisten und Blogger neue Arbeitsfelder direkt für Reiseveranstalter. Die TUI etwa beauftrage Berichte und kennzeichne die Beiträge dann mit dem Unternehmensnamen. Eine Klarheit, die Jürgen Drensek von anderen Seiten nicht bestätigen kann. Es gäbe etwa Blogger, die ihre Artikel nicht als von Unternehmen beauftragt ausweisen. Unter Printartikeln stünde immerhin inzwischen oft eine mehr oder weniger ausführliche Erklärung über das Zustandekommen. Öffentlich-rechtliche Sender dürften aber gar keine Reisefinanzierung annehmen. So erhielten sie eine Rechnung, die weit unter Preis der in Anspruch genommenen Reise liegt.

    Transparent zu machen, was journalistischer Inhalt, was Werbung und was gezielte Unterstützung ist, wird im Dickicht der wirtschaftlichen Prioritäten aller Seiten also eine noble Pflicht. Auf die gebotene Abgrenzung zu achten, das ist die nicht leichte Aufgabe für den Presserat - obwohl sich die Reisejournalisten einen Kodex gegeben haben und darauf basierend der „Bloggerkodex“ aufgesetzt wurde.

    Markus Golletz machte zum Schluss Mut, auch wenn er das Geschäftsmodell von Freiberuflern schwierig nennt. Es hätten immer mehr Online-Portale von Print-Medien erkannt, dass guter Inhalt Geld kostet und haben Bezahlschranken eingerichtet.

    Da fehlt nur noch eines: dass die Verlage ihre Einnahmen in Form von guten Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung an die Urheber der Inhalte weiterleiten.

    Nüchternes Fazit in der leidenschaftlichen Runde: Ist Reisejournalismus immer noch ein Traumjob – Eher nein!

    Moderiert wurde die Veranstaltung von den Journalisten Anne Schneller und Thomas Korn.

    Ein Bericht von Beate Barrein