Was die Alfelder Zeitung für ihre Zukunft tut - ein Interview mit Redaktionsleiter Markus Riese

05.07.2024

Politisch und gesellschaftlich sind raue Zeiten angebrochen. Höchste Zeit, sich bei den wichtigen Trägern öffentlicher Meinung, den Zeitungen, umzutun, um sich zu vergewissern, ob sie die nötige Orientierung über gesellschaftliche Verhältnisse weiterhin liefern können. Dazu wollten wir Verleger*innen niedersächsischer Zeitungshäuser befragen. Bei der Alfelder Zeitung stießen wir zwischen Planung und Terminierung des Interviews auf veränderte Verhältnisse: Die kleine Heimatzeitung, die seit ca. 170 Jahren im Dobler-Verlag erscheint und derzeit eine Auflage von knapp 6000 Exemplaren hat, ist verkauft. Ab 1. Januar 2025 gehört sie zur Gerstenberg-Gruppe, die auch die „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ herausgibt. Redaktionsleiter Markus Riese (44) beantwortete die Fragen von ver.di. Mit ihm sprach Dr.Thomas Muntschick vom Landesvorstand Medien, Journalismus (dju) und Film in Niedersachsen-Bremen.

 

Wie geht es der „Alfelder Zeitung“? Welches sind die Herausforderungen, denen sich die Heimatzeitung gegenübersieht. Welche Rolle spielt die Tageszeitung - Print oder Online - für eine demokratische Gesellschaft? Hat sie in solchen Zeiten eine besondere Pflicht?

Zeitungen sind nach wie vor eine wichtige Säule der Demokratie und auch der Meinungsbildung bei uns in Deutschland, aber auch in Europa. Wir müssen ein bisschen differenzieren. Wenn wir über Printausgaben sprechen, also gedruckte Zeitungen, dann ist es kein Geheimnis, wenn ich sage: Das wird überall weniger, egal, ob man bei den großen Zeitungen guckt oder bei uns hier auf dem Land. Aber natürlich stellt sich auch die Frage: Wie begegnet man dem und schafft nachhaltig den Sprung ins digitale Zeitalter, damit man auch künftig noch relevant bleibt und zur demokratischen Meinungs- und Willensbildung beitragen kann? Ich halte es für sehr wichtig, dass Zeitungen sich nicht einfach vom Markt verdrängen lassen, etwa durch Social-Media-Kanäle, in denen im schlimmsten Fall noch Fake News verbreitet werden. Was das anrichten kann, erleben wir gerade. Insofern sind wir als Gattung Tageszeitung nach wie vor sehr relevant. Aber die Kanäle, auf denen wir unsere Nachrichten ausspielen, die werden sich weiter verändern.

 

In wie vielen verschiedenen Kanälen man heute – teils gleichzeitig - unterwegs sein kann, bringt uns dem informationellen „Overflow“ näher. Wächst eigentlich das Interesse an diesem Zeitgeschehen, oder ist die Verwirrung mittlerweile so groß, dass die Zeitung aus dem Gesichtsfeld der Empfänger von Informationen kommt?

Als ich von einer größeren Zeitung nach Alfeld gewechselt bin, habe ich festgestellt, dass die Leserinnen und Leser hier uns als Zeitung durchaus Zeit geben, um Informationen fundiert zu recherchieren und seriös abzubilden. Natürlich gibt es die Social-Media-Kanäle, wo der Verkehrsunfall von irgendwem schnell geknipst und reingestellt wird, oder wo auch politische Debatten angestoßen werden, bei denen man angesichts des Tempos kaum noch die Chance hat, hinterherzukommen mit seriöser Berichterstattung. Aber tatsächlich: Die Leser, die uns treu sind, die gestehen uns auch zu, dass wir uns bei dieser ganzen Unübersichtlichkeit orientieren und dann selbst Orientierung geben und einordnen. Es gibt also noch eine Leserschaft, die das goutiert, was wir tun. Natürlich fällt es immer schwerer, in den Zeiten, die wir gerade haben, auch mit dem Rechtsruck und populistischen Tendenzen den Überblick zu behalten. Aber das macht es ja umso wichtiger, dass wir das tun, und dass wir dann auch einordnen und die Leser entsprechend informieren.

 

Die Prognose-Zahlen der Rechten für die Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen lassen aufhorchen. Die Europawahl brachte einen deutlichen Rechtsruck. Gibt es in der neuen Journalistengeneration ein Bewusstsein davon, was es heißt, wenn wieder ein totalitärer Staat entstünde, wenn es wieder nach Presse-Gleichschaltung riecht? Kriegt man da eigentlich Angst?

Angst wäre ein völlig falscher Ratgeber. Wenn wir Angst hätten, dann könnten wir direkt unsere Arbeit einstellen. Natürlich muss man ein dickes Fell haben, wenn man sich im Lokaljournalismus bewegt, gerade mit den Tendenzen, die wir gerade haben. Das merken auch wir. Auch uns schlägt Hass entgegen, sei es nun im Internet oder auch auf offener Straße. Wenn wir zum Beispiel über gewisse Demos berichten, dann werden auch wir mal angegangen. Wir haben bei uns bisher noch keine körperlichen Angriffe erlebt, aber durchaus verbale. Und damit muss man lernen umzugehen, auch die jungen Journalisten, die im Volontariat sind. Aber wenn wir es nicht tun, wer soll es dann tun? Da gilt es auch, Fingerspitzengefühl zu beweisen und genau hinzuschauen und abzubilden, was passiert, um Aufmerksamkeit dafür zu erzeugen.

 

Nun ist das im eingespielten Alltag, der von Routine beherrscht wird, immer so ein Ding. Bleibt bei euch hier Luft für so was?

Wir haben unsere Redaktionskonferenzen, in denen solche Themen auch mal zur Sprache kommen können. Und wir sprechen auch miteinander. Ich glaube, das ist auch ein Stück Selbstschutz. Gott sei Dank ist es eben nicht so, dass wir wöchentlich mit Problemstellungen dieser Art zu kämpfen haben. Das ist vielleicht anders als in großen Städten und in Regionen, wo relativ deutliche Tendenzen zu erkennen sind. In der Anonymität des virtuellen Raums sieht es etwas anders aus. Wir haben hier beispielsweise eine Alfelder Facebook-Gruppe, die hat fast 15.000 Mitglieder. Da gibt es auch mal Polemik gegen uns als Zeitung. Und natürlich bewegt einen das auch. Wir sind schließlich Menschen, die hier arbeiten. Das wird vermutlich manchmal vergessen.

 

Wie hoch ist eure verkaufte Auflage im Moment?  Und: Könntet ihr euch jetzt in eurer Funktion als Mitglied der Zeitungsredaktion offensiv in Instagram und Facebook einmischen?

Wir haben unsere eigene Facebook-Seite und einen Instagram-Account. Wir halten uns aber tendenziell aus Diskussionen zurück im Internet, die ausufern. Die Printauflage ist wie fast überall rückläufig, liegt momentan bei knapp 6000 Exemplaren. Das wird auch noch weniger werden. Umso wichtiger ist deshalb die Transformation ins Digitale. Natürlich müssen wir uns auch auf digitalen Plattformen bewegen und die Menschen dort abholen, wo sie diskutieren. Manchmal kann es sinnvoll sein, sich dort einzumischen. Aber als Journalisten sind wir ja auch Beobachter. Das heißt: Wir beobachten das, was dort passiert, und ordnen es dann wiederum entsprechend ein.

 

Gibt es Initiativen, junge Menschen zur Presse zurückzubekommen, Schulbesuche in Redaktionen und Druckhäusern, Zeitung in der Schule, zum Beispiel? Wie verändert sich das Berufsbild und die Anforderungen an den journalistischen Nachwuchs?

Die Ausbildung und das Berufsbild haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Aber das Thema mit den jungen Zielgruppen will ich gerne aufgreifen: Ich engagiere mich da auch und versuche immer mal wieder in Schulen reinzugehen. Ich habe zum Beispiel eine Gruppe einer Haupt- und Realschule hier zu Besuch gehabt. Das waren etwa 30 Schülerinnen und Schüler, achte und neunte Klasse. Die haben sich in ihrer Projektwoche mit dem Thema „Fake News“ beschäftigt, mich dann dazu ausgefragt und mit mir zusammen daran gearbeitet, wie man solche News entlarvt. Dabei habe ich festgestellt, dass junge Leute sich durchaus für Nachrichten interessieren und nicht nur TikTok-Videos konsumieren. Sie wollen sich seriös informieren über das, was in der Welt passiert, und idealerweise auch über das, was im Lokalen passiert. Wir müssen schauen, wie wir junge Menschen künftig erreichen. Das Interesse ist da, und das ist eine wichtige Erkenntnis.

 

Wie sieht heute das Handwerkszeug aus. Was hat sich beruflich schon alles geändert?  Redaktionstische, Nachrichten-Zentralen, die jetzt überall Einzug halten, und die immer größer werdende Orientierung an der Menge der Klicks bei den Onlineangeboten. Hat das Einfluss auf redaktionellen Schwerpunktsetzungen?

Als ich vor knapp einem Vierteljahrhundert in Alfeld volontiert habe, da habe ich noch gelernt, wie man Schwarzweiß-Filme entwickelt. Sonntags nach den Fußballspielen habe ich in der Dunkelkammer gestanden und gezittert, ob auch alles klappt, denn ich brauchte ja die Bilder. Allein dieser Prozess hat sich wahnsinnig verändert. Das Orientieren an Klicks ist monetär nachvollziehbar. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen und müssen natürlich Geld verdienen. Es ist ein zweischneidiges Ding. Aus meiner Sicht ist es nicht gut, sich immer nur an Klicks zu orientieren, denn das macht ja auch was mit einem Artikel, der online erscheint. SEO-Optimierung - die Verwendung des immer gleichen Begriffs in Zwischenüberschriften – Clickbaiting, durch all diese Dinge werden neue Schwerpunkte gesetzt. So verändern sie ein Stück weit auch die Art der Berichterstattung. Das müssen wir genau hinterfragen, ob wir dadurch auch die Wahrnehmung von Nachrichten gerade bei der jüngeren Generation komplett verändern. Da haben wir Verantwortung, wie wir digital unsere Nachrichten ausspielen.

 

Einerseits sollen Journalisten diejenigen sein, die die Entstehung und Bildung öffentlicher Meinung befördern, aber andererseits gibt es das wirtschaftliche Interesse des Verlages, den Tendenzschutz. Ist das für Sie im Alltag ein Problem?

Ich kann das nur für unseren Verlag in Alfeld beurteilen. Wir hier in der Redaktion haben das große Glück, dass wir tatsächlich journalistisch unabhängig arbeiten können und dass uns die verlegerische Seite nicht in die Berichterstattung „reinredet“. Ich befürchte, dass das heute nicht mehr überall so ist. Es geht immer auch ums Geldverdienen, eine Zeitung muss wirtschaftlich erfolgreich sein, damit sie am Markt bestehen kann. Aber wenn ein Verleger einer Redaktion nicht reinredet in ihr redaktionelles Konzept, dann ist schon sehr viel gewonnen. Wie wir die Themen setzen, welche Themen wir in welchem Umfang bearbeiten, was und wie wir kommentieren – das können wir frei entscheiden. Da haben wir eine echte redaktionelle Unabhängigkeit, auf die ich persönlich sehr großen Wert lege und von der ich hoffe, dass sehr viele Häuser in Deutschland sie auch noch sehr lange erhalten können.

 

Die Fachpresse berichtet regelmäßig über die Konzentration im Presse- und Verlagswesen und über das Verschwinden publizistischer Einheiten.  Gerade hat der Madsack-Konzern die Sächsische Zeitung übernommen und mit der Leipziger Volkszeitung zusammengelegt. Außerdem beliefert Madsacks Redaktionsnetzwerk Deutschland mittlerweile mehr als 60 Zeitungen. Was sehen Sie da alles so auf sich zukommen?

Vor allen Dingen Zeitdruck. Man hätte gern manchmal mehr Zeit für tiefere Recherchen, für größere Geschichten, als man tatsächlich im Arbeitsalltag zur Verfügung hat. Und da sind wir tatsächlich bei einem monetären Druck. Die Aufgaben haben sich auch verändert. Vor 20 Jahren haben wir Zeitung ganz anders gemacht, als wir es heute machen, weil wir einfach mehrere Kanäle noch gar nicht hatten, die wir heute mindestens mitdenken müssen. Und natürlich ist da eine Sorge, die die ganze Branche betrifft: dass man immer weniger Zeit dafür hat, um Journalismus qualitativ hochwertig zu halten. Aktuell gelingt das noch. Aber niemand weiß, wie es in fünf oder in zehn oder in 15 Jahren aussieht. Wir wissen auch nicht, ob es dann noch gedruckte Zeitungen gibt. Noch gibt es uns als Print-Titel, und ich glaube, das wird auch noch eine Weile so bleiben. Aber wie entwickelt sich das Ganze? Wir sehen schon, dass etablierte Zeitungen zum Teil schon nicht mehr täglich erscheinen, sondern nur noch wöchentlich – wie zum Beispiel die Hamburger Morgenpost. Und das wird möglicherweise anderen Zeitungen auch so gehen. Wenn ich mich unter Kollegen und Kolleginnen umhöre, sind Sorgen und Ängste da, was die eigene Zukunft betrifft. Aber was bringt es, den Kopf in den Sand zu stecken? Wir werden Lösungen finden müssen.

 

Es hat sich gerade die Situation ergeben, dass zum Jahresende die Eigentümerstruktur der „Alfelder Zeitung“ wechselt. Was bedeutet das?

Momentan sind wir ein familiengeführtes Unternehmen in der fünften Generation der Familie Dobler. Derzeit gibt es zwei Minderheitsgesellschafter, nämlich Madsack aus Hannover und Gerstenberg aus Hildesheim. Gerstenberg wird zum Jahreswechsel die Mehrheitsanteile von der Familie Dobler übernehmen, sodass die Alfelder Zeitung künftig Teil der Gerstenberg-Gruppe sein wird. Was heißt das jetzt für uns? Tatsächlich kann ich Ihnen das noch gar nicht im Detail beantworten, weil wir noch am Anfang des Prozesses stehen. Die „Alfelder Zeitung“ wird jedenfalls ein eigener Titel bleiben, auch weiterhin mit einer Redaktion in Alfeld. Natürlich gibt es viele offene Fragen. Aber die Leserinnen und Leser müssen sich keine Sorgen machen, dass zum Jahresende plötzlich unsere Zeitung eingestellt wird. Im Gegenteil: Die „Alfelder Zeitung“ soll als starke Marke am Zeitungsmarkt erhalten bleiben.

 

Es stellt sich aber die ökonomische Frage für qualitativ hochwertigen Journalismus auch im ländlichen Raum: wie teuer muss ich Kolleginnen bezahlen, um hochwertigen Output für 6000 Leute zu produzieren?

Es sind ja nicht nur 6000 Leute. Jedes Exemplar, das wir ausliefern, hat mehrere Leser. Und dann haben wir nicht nur Print-Leser, sondern auch wir haben uns schon vor längerer Zeit auch digital neu aufgestellt: mit Internet-Portal, mit einer eigenen App, mit einem E-Paper, das in der App zuletzt auch noch funktional erweitert wurde. Auch wir haben ein sogenanntes Plus-Abo, mit dem man alle Nachrichten im Portal lesen kann. Die Leserschaft verschiebt sich also immer mehr ins Digitale. Kleinere Verlage haben das grundsätzliche Problem, dass die steigenden digitalen Erlöse die Rückgänge im Print nicht kompensieren können. Und von daher ist der Schritt, den die Alfelder Zeitung geht, sicher verständlich. Wer weiß schon, was in fünf, sechs oder acht Jahren ist? Ob die AZ dann komplett eigenständig noch überlebensfähig wäre, kann ich Ihnen nicht beantworten. Insofern finde ich es absolut richtig und vernünftig, sich jetzt darüber Gedanken zu machen, wie man eine Zeitung wie die unsere so aufstellt, dass sie nachhaltig in die Zukunft gebracht werden kann.

Kommen wir zum Thema Künstliche Intelligenz (KI). Was wird da auf uns zukommen?

Der beste Lohn für den Journalisten ist es, wenn seine Nachricht konsumiert wird. Übrigens egal auf welchem Kanal, meiner Meinung nach. Ist KI da unser Feind? Nein! Wir setzen KI auch heute schon ein. Und wir machen das sehr transparent. Aktuell nutzen wir eine Text-to-Speech-Funktion auf unserer Internetseite, die alle neuen Artikel auf Wunsch vorliest – in einer Qualität, die ich vor drei, vier Jahren noch nicht für möglich gehalten hätte. Da ist die KI schon sehr weit. Grundsätzlich ist es eine moralisch-ethische Frage, inwieweit man KI überhaupt im Journalismus einsetzt, wenn man es nicht transparent macht. Denn es sollte klar sein: Was hat jetzt eine KI generiert, und was hat ein Journalist, ein ausgebildeter Redakteur, aufgeschrieben? Da sind wir gerade auf einem sehr spannenden Weg. Aber KI kann im redaktionellen Alltag auch jetzt schon helfen, wenn es zum Beispiel darum geht, Polizeimeldungen umzuschreiben. Das muss vielleicht der Redakteur nicht mehr selbst erledigen und einen Teil seiner knappen Arbeitszeit dafür verwenden, sondern das kann vielleicht wirklich eine KI übernehmen, ohne dass dann dadurch Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Diese Befürchtung, die oft geäußert wird, habe ich so aktuell noch nicht. Die Befürchtung vieler Kolleginnen und Kollegen ist eher langfristiger Natur, dass Journalismus sich in einer Art verändern wird, dass er irgendwann hauptsächlich von KI bespielt wird. Das darf nicht passieren. Das hätte auch massive Auswirkungen auf unsere Arbeitsplätze und wäre nicht gut für die Meinungsvielfalt und die Medienvielfalt. Wir hätten dann eher einen Einheitsbrei. Und da wollen wir nicht hinkommen.

 

Ihr habt hohe Kosten, auch bei der Verteilung der Zeitung. Die Verlegerverbände haben die Debatte um Subventionen durch die öffentliche Hand angestrengt. Wird so was hier an der Basis diskutiert?

Wir haben Probleme mit der Zustellung, wie fast alle anderen Zeitungen auch. In der Politik ist das Thema Zustellförderung immer wieder aufgetaucht in den vergangenen Jahren – mit wenig Erfolg, muss man ganz deutlich sagen. Ich glaube, wir müssen ein bisschen über den Tellerrand schauen. Das Postgesetz erlaubt beispielsweise Postunternehmen künftig die Zustellung E+3 mit 95 Prozent statt bisher E+1 mit 80 Prozent. Das heißt: 95 Prozent der Briefsendungen müssen dann erst innerhalb von drei Werktagen zugestellt sein. Wenn man weiß, dass es heute schon einige Zustellkooperationen zwischen Verlagen und privaten Postunternehmen gibt, dann könnte man auf die Idee kommen, dass die Priorität bei einer Privatpost künftig auf der Zustellung tagesaktueller Zeitungen liegen könnte. Sie merken anhand solcher Überlegungen, dass das Thema komplex ist. Solange wir noch einen Markt für Print haben, würde ich persönlich den gern bedienen. Gerade bei uns auf dem Land gibt es viele Leser, die gern weiterhin Print lesen wollen. Allerdings: Mit jeder Steigerung des Mindestlohns wird es schwieriger. Verlage müssen die Preise erhöhen, dadurch springen Leser ab - das kann eine Spirale auslösen. Insofern ist das tatsächlich ein schwieriges Feld. Und deswegen müssen wir in viele Richtungen denken, um überhaupt die Zustellung noch gewährleisten zu können.

 

Ihr habt täglich mit Menschen zu tun und wisst, wie diese Region tickt. Ist es völlig abwegig zu diskutieren, ob man so eine Art Bürgerbeteiligung macht, wo man qualitativ die Leser-Blatt-Bindung auf eine neue Stufe stellt.  Also Presse in anwaltschaftlicher Funktion?

Das ist ein Stück weit schon immer unsere Aufgabe, auch Anwalt für unsere Leser zu sein und ihnen gut zuzuhören. Wenn es um Konzepte für die Zukunft geht, dann darf es keine Denkverbote geben. Schon jetzt beteiligen sich unsere Leser aktiv an unseren Inhalten, etwa über ein Vereinsportal, dessen Einsendungen auch im Blatt abgedruckt werden. Alles, was dazu beitragen kann, dass das Format Tageszeitung nachhaltig in die Zukunft gebracht werden kann, verdient es, dass man sich damit beschäftigt. Wir haben zum Beispiel einen Leserbeirat und besprechen dort solche Fragen. Übrigens: Wir bekommen relativ wenig Leserbriefe und würden gern viel mehr abdrucken. Das ist auch eine Form der Leserbeteiligung.

 

Wäre für euch „Dorffunk“, also eine lokale Internetplattform, eine Konkurrenz? 

Das Thema Dorffunk beschäftigt uns immer mal wieder. Ich sehe aber gar nicht so sehr den Dorffunk als neue Konkurrenz an. Ich sehe die Konkurrenz vielmehr bei den Kommunen, die dazu übergehen, wie ein Nachrichtenkanal aufzutreten und auf ihren Internetseiten Pressemitteilungen aufzubereiten. Das halte ich für das viel größere Problem. Und wenn sich auf Dorffunk die eine oder andere Neuigkeit verbreitet, Veranstaltungen publik gemacht oder Kleinanzeigen ausgetauscht werden, finde ich das deutlich unproblematischer als das, was viele Kommunen machen. Vielleicht wäre das ein Ansatz für Gewerkschaften, sich dafür einzusetzen, dass man so etwas verhindert. Denn das ist nicht die Kernaufgabe der Kommunen.  Das ist eindeutig unsere Aufgabe, und das sollte es auch bleiben.

 

Zur Person

Markus Riese (44) Riese stammt aus dem Leinebergland und hat vor über 20 Jahren bei der Alfelder Zeitung volontiert. Danach sammelte er Erfahrungen bei mehreren Verlagen, zuletzt als Chefredakteur beim Blick in Göttingen und in verschiedenen Leitungsfunktionen beim Göttinger Tageblatt. Seit Juli 2021 ist er zurück in Alfeld.