Verlage, Druck u. Papier

    Bunter Protest gegen Madsack in Hannovers Innenstadt

    Bunter Protest gegen Madsack in Hannovers Innenstadt

    Madsack-Demo am 18.07.2015 in Hannover ver.di Madsack-Demo am 18.07.2015 in Hannover

    „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

    Mehrere hundert Menschen sind heute (18. Juli 2015) in einem langen Protestzug durch die hannoversche Innenstadt gezogen, um gegen die geplante Schließung der Druckerei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Neuen Presse in Hannover-Kirchrode zu protestieren.

    Pfeifend und trommelnd und mit zahlreichen Transparenten und Plakaten  machten sie darauf aufmerksam, dass die Geschäftsführung des Medienkonzerns Madsack rund 180 Arbeitsplätze vernichten und Ende 2016 die betroffenen Beschäftigten einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen will. 

    Während einer Kundgebung vor dem Stammhaus des Madsack-Konzerns, dem historischen Anzeiger-Hochhaus, sagten Politiker von SPD, Linken und Grünen vor rund 250 bis 300 Demonstranten den betroffenen Beschäftigten  und ihren Familien ihre Unterstützung zu. Lutz Kokemüller, verdi-Fachbereichsleiter Medien, nannte den Umgang der Madsack-Führung mit den Beschäftigten und deren Betriebsrat „feudal“ und einen „Skandal“, der nicht hingenommen werde. Dirk Friedrichs, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei der Verlagsgesellschaft Madsack, kündigte für die verdi-Betriebsgruppe bei Madsack entschieden Widerstand an.  Die Belegschaft werde für ihre Arbeitsplätze und ihre Zukunft kämpfen.  

    Solidarische Grüsse aus dem Madsack-Konzern überbrachte für die verdi-Vertrauensleute der Rostocker „Ostsee Zeitung“ Christoph Hohlfeld. Die Pläne der Madsack-Geschäftsführung für die Druckerei in Hannover mache die Madsack-Kollegen an der Küste „bestürzt und wütend, sagte Hohlfeld. Er überreichte die letzten drei verbliebenen T-Shirts, die die Drucker der Ostsee-Zeitung während ihres erfolgreichen Streiks für den Erhalt und die Erneuerung ihrer Drucktechnik vor wenigen Jahren getragen hatten. Diese tragen die Aufschrift: „Ausgequetscht und weggeworfen? Wir sind keine Zitronen!“ Es sei „dreist“, sagte Hohlfeld, dass Konzernchef Thomas Düffert die Schließung der Druckerei in Hannover Kirchrode als  angeblich  alternativlos und als angeblich „unumstößliche Entscheidung“ deklariere. 

    Nichts sei alternativlos, betonte auch der SPD-Unterbezirksvorsitzende der Region Hannover, Matthias Miersch. Der Bundestagsabgeordnete kritisierte scharf, dass die Madsack-Führung die Druckaufträge aus Hannover in eine Druckerei nach Rodenberg bei Bad Nenndorf vergebe, obwohl diese Firma Oppermann nie einen Auftrag der öffentlichen Hand erhalten könne, weil sie tariflos arbeiten lasse. 

    Miersch kündigte an, dass die SPD-Hannover nächste Woche erneut mit den Führung der SPD-Presseholding DDVG reden werde. Die DDVG ist mit rund 23 Prozent an der Verlagsgesellschaft Madsack  beteiligt und trägt die Fremdvergabe der Druckaufträge für die hannoverschen Zeitungen an die  tariflose Druckerei Oppermann mit.  Auch der Ministerpräsident  und SPD-Landesvorsitzende Stephan Weil setzte sich für de betroffenen Beschäftigten der Madsack-Druckerei ein, erklärte Miersch. 

    Der Landesvorsitzende der Partei Die Linke, der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens, kritisierte das Verhalten der SPD-Presseholding DDVG wie das der Madsack-Geschäftsführung scharf. Er forderte eine Stärkung des Tarifvertragssystems und ein Verbot von Kündigungen bei Firmen, die wie Madsack profitabel arbeiteten. Solidarisch erklärte sich auch die wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Maaret Westphely. 

    Rainer Butenschön erinnerte als Vorsitzender des verdi-Medienfachbereichs in Niedersachsen an die Bestimmungen des Grundgesetzes. Dort heisst es, die Würde des Menschen darf nicht angetastet werden, auch habe Eigentum dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen. Arbeitslosigkeit aber, so zitierte Butenschön den  hannoverschen Soziologen Prof. Oskar Negt, sei „ein Gewaltakt“, der den betroffenen Menschen ein Leben in Würde verunmögliche. Butenschön, der auch Betriebsratsvorsitzender der Verlagsgesellschaft Madsack ist, zeigte sich überzeugt, dass die betroffenen Menschen diesen Angriff auf ihre Würde und ihre Lebensperspektiven nicht hinnehmen werden. Schon in der Vergangenheit sei die Druckerei-Belegschaft wehrhaft gewesen. Die Betroffenen wüssten, dass „Menschen, die zusammenstehen, eine Macht sind“, die nicht ignoriert werden und einfach bei Seite geschoben werden könne. Der Protest an diesem Samstag sei erst der Anfang. Über Jahrzehnte hätten die Beschäftigten der Druckerei Tag für Tag und Nacht für Nacht Qualitätsarbeit abgeliefert. Er sei sicher, dass sie es sich nicht gefallen ließen, kalt lächelnd nach dem Moto abserviert zu werden: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr darf gehen.“ 

    Schon am Sonntag werden die Protestaktionen der Beschäftigten der Madsack-Druckerei weiter gehen. Das NDR-Fernsehen und Radio-Reporter wollen über das Geschehen berichten. 

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    Die drohende Schließung der Madsack-Druckerei in Hannover-Kirchrode war am 15. Juli 2015 auch Thema im Niedersächsischen Landtag. Während einer aktuellen Stunde hat der CDU-Abgeordnete Dirk Toepffer Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) vorgeworfen, dieser irre hilflos über die Baustellen der Wirtschaftspolitik. Als ein Beispiel nannte Toepffer die drohende Schließung der Madsack-Druckerei, in der die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), die Neue Presse (NP) und die Hildesheimer Allgemeine Zeitung (HiAZ) gedruckt werden.

    Bis Ende vergangener Woche wurden dort auch Teile der BILD-Auflage produziert. In scharfen Worte rügte Toepffer, dass 180 Arbeitsplätze vernichtet werden – etwa so viele wie bei den Nordseewerken in Emden. Im Unterschied zu den Nordseewerken mache der Madsack-Konzern aber Gewinne in Millionenhöhe. Toepffer sprach von einer „Peinlichkeit“, die bereits bei der Informationspolitik gegenüber den von Erwerbslosigkeit bedrohten Beschäftigten der Druckerei anfange. Diese hatten aus der BILD von der geplanten Vernichtung ihrer Arbeitsplätze erfahren. Der CDU-Politiker rügte gleichzeitig, dass die Druckaufträge künftig von einer tariflosen Druckerei erledigt werden sollen und dass keinem einzigen Madsack-Mitarbeiter ein Arbeitsplatz in dieser Druckerei angeboten worden ist oder angeboten werden soll. Dieser Vorgang vollziehe sich in einem Unternehmen, so Toepffer weiter, dass sich zu 23 Prozent im Eigentum der SPD befinde, bzw. in dem die SPD über ihre Medienholding DDVG großen Einfluss ausübe.

    Toepffer wandte sich direkt an Ministerpräsident Stephan weil, da dieser öffentlich die Tarifflucht der Madsack-Geschäftsführung kritisiert hatte. Toepffer meinte, damit wolle der Ministerpräsident seine eigene Glaubwürdigkeit nicht beschädigen. Doch entweder sei Weils Empörung über diese Tarifflucht der Madsack nur scheinheilig oder aber sie sei hilflos und ohne jede Durchsetzungsmöglichkeit. Dies sei eine peinliche Nummer, da im Aufsichtsrat von Madsack zum teil dieselben Leute wie im Beirat der SPD-Medienholding DDVG säßen. Damit sei die Kritik von weil nicht nur scheinheilig, sondern auch hilflos und zynisch und die Wirtschaftspolitik der Landesregierung unglaubwürdig.

    Obwohl der Ministerpräsident direkt angesprochen worden ist, hat er in seinem wenig später folgenden Wortbeitrag auf die Vorhaltungen des CDU-Politikers nicht reagiert. Auch Anja Piel von den Grünen ging darauf nicht ein.

     

     

    Lutz Kokemüller
    Landesfachbereichsleiter Medien, Kunst und Industrie
    ver.di Niedersachsen-Bremen
    Goseriede 10, 30159 Hannover
    Tel.: 0511 12400-290
    Handy: 0160 7428975